Rostock, Kaltort-Ranking 2018

Rostock – Hafen, Universität, Lichtenhagen

Einwohner*innenzahl: 208.409

Rostock ist sicher nicht die schlimmste Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, wenn es um rassistische Vorfälle und rechte Aktivitäten geht. Im Gegenteil, Aufmärschen der AfD in der Innenstadt stellen sich Tausende Gegendemonstrant*innen entgegen. Aber es gibt auch andere Seiten, die der Hansestadt in diesem Jahr eine Nominierung für den Kaltort des Jahres eingebracht haben.

Während man in Innenstadtnähe relativ unbehelligt von Neonazis und anderen rechten Spinnern leben kann, kommt es in den Plattenbauvierteln im Nordosten und Nordwesten der Stadt regelmäßig zu rassistischen Übergriffen. So wurde eine Syrerin mitsamt ihres sechs Monate alten Enkelkindes in einen Teich geschubst und in der S-Bahn-Unterführung wurde ein Syrer mit einem Messer schwer verletzt. Ebenfalls in Lütten-Klein wurde ein Mann aus Gambia mit einem Hammer ins Gesicht geschlagen. Der Betroffene ist ein Spieler des „Internationalen Rostocker Fußball-Clubs“. Der offen antirassistisch auftretende Verein war schon häufiger das Ziel rechtsradikaler Aggressionen. Ein anderer Spieler wurde vor seiner Haustür überfallen und mit einem Stein auf den Kopf geschlagen, als er bereits am Boden lag. Auf dem Platz des Vereins wurden Scherben eines Hakenkreuz-Services vergraben und mehrere Spieler fanden Naziaufkleber in ihren Briefkästen.

Die AfD marschiert jeden Monat durch Rostock. Die Aufmärsche werden von der Polizei auf kurzen Routen mit einem martialischen Aufgebot durchgesetzt. Auf 200 Demonstrant*innen auf Seiten der AfD kamen im Dezember 1000 Cops, 3 Wasserwerfer und ein Helicopter. Dem standen in der alternativ geprägten Kröpeliner-Tor-Vorstadt über 3000 Gegendemonstrant*innen entgegen. Der Landtagsabgeordnte Holger Arppe wurde inzwischen aus der AfD ausgeschlossen. Er verbreitete in internen Foren neben Rassismus in Reinform auch Mord- und Vergewaltigungsphantasien. Gegen einen anderen Rostocker Politiker, Jan Hendrik Hammer, wurde wegen „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat“ ermittelt. Er soll u.a. eine „Todesliste“ mit politischen Gegern angelegt haben.

Die sogenannte Identitäre Bewegung hatte bis vor kurzem ihre Bundeszentrale im Bahnhofsviertel in Rostock und nutzte sie als Ausgangspunkt für ihre Publicitygags, die sich hauptsächlich gegen die Universität richteten. Inzwischen ist die IB aus dem Gebäude ausgezogen. Es gibt in Rostock aber auch noch die „normalen“ Kameradschaftsnazis vom Aktionsblog. Diesen sind vor allem bei Facebook „aktiv“. Mit David Mallow verfügt das Netzwerk aber auch über einen Kampfsportler, der bundesweit bei Events der Neonaziszene antritt.

PS: Aktuelle endete das Verfahren gegen denjenigen, der den Syrer in der Unterführung mit einem Messer schwer verletzt hat. Trotz 21(!) Vorstrafen entschied sich das Gericht für eine Bewährungsstrafe.

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Torgau, Kaltort-Ranking 2018

Torgau – Stadt des verschwiegenen rassistischem Mordes

Einwohner*innenzahl: 20.000 (stark alternd & sinkend)

Nur durch eine einstündige Reise mit der S-Bahn von Leipzig entfernt liegt eine kleine Stadt mit pittoreskem Stadtkern. Die Mieten in den pastellfarbenen Häusern sind selbst in der Innenstadt günstig, Fluss und Schloss sorgen für malerische Aussichten und dank des geplanten Glasfaserausbaus ist der Rest der Welt bald nicht mehr ganz so weit entfernt, wie noch zuvor.
Im Sommer kommen die Leute von Außerhalb, die wandern oder radeln die Elbe entlang, bleiben auch mal für mehr als eine Nacht und sorgen für ein bisschen Abwechslung. Denn in der kleinen Stadt kann nicht studiert werden, auch Berufsschulen oder größere Ausbildungsbetriebe gibt es nicht. Dementsprechend sind 67% der Einwohner*innen über 65 Jahre alt, weitere 28% unter 20. Die jungen Leute, insbesondere junge Frauen gehen also weg, hinaus in die Welt. Wer bleiben will, entscheidet sich regelrecht gegen Veränderung. Wenn nicht gerade der Tag der Sachsen gefeiert wird, vertreiben sich viele junge Leute hier die Zeit mithilfe von Crystal Meth.

Als herrschendes Erklärmuster dafür, das im Leben und insbesondere in Torgau vieles so scheiße ist, hat sich längst der Rassismus etabliert. Es gibt kaum eine Zivilgesellschaft, die widerspricht, wenn soziale Probleme auf die mit dem K-Wort oder Z-Wort bezeichneten Migrant*innen im Vorort Nordwest abgeladen werden. Im Gegenteil: Auch in der Lokalpolitik werden die von einer Personalfirma für die Ausbeutung in einer Fleischfabrik aus Osteuropa herangekarrten Menschen als dankbarer Sündenbock genutzt. Und so hat sich in der Stadt hat sich – ob gesteuert oder von selbst – auch über den rassistischen Mordversuch die Erzählung eingebrannt, dass auf dem Marktplatz ein „Ausländer“ herumschoss, na klar, „wegen der Drogen“.
Waffen und Drogen, beides war an dem Abend im Sommer 2017 in der Hand der Torgauer. Der Prozess ist in diesem Jahr mit einem Urteil gegen Kenneth E. geendet, der schuldig gesprochen wurde, am Tatabend 2x aus kürzester Entfernung in die Brust des die Stadt besuchenden Geflüchteten abgefeuert zu haben. Dabei war seit Tagen auf Crystal unterwegs, trotz vieler Anzeichen für eine rechte Gesinnung (u.a. Hitlerbildchen in seiner Zelle) konnte vom Gericht kein rassistisches Motiv erkannt werden. Dabei wies es in seiner Urteilsverkündung darauf hin, dass ihm die rassistische Sprache und Naziszenekleidung vieler Torgauer Zeug*innen durchaus aufgefallen waren. Für Beobachter*innen wurde außerdem klar, dass in der Tatnacht neben dem Täter und seinem Freund, dem lokalen Crystal-Dealer Anton G., auch noch weitere mit Messern, Schlagstöcken und Schreckschusswaffen bewaffnete Torgauer auf der Suche nach den Geflüchteten waren. Über eine etwaige Verbindung oder Informationsaustausch der Suchbemühungen konnte nichts herausgefunden werden – das hätte bei den verhaltenen Ermittlungsversuchen der lokalen Polizei auch verwundert. Diese behandelte klassisch das Opfer als Täter und ließ die zweite bewaffnete Nazigruppe wegen guter Kooperation ohne Schmauchspuranalyse und Folgehausdurchsuchungen von dannen ziehen. Sie hatten bereits zugegeben „in die Luft“ geschossen zu haben, als „Ausländer“ auf sie zuliefen und zudem direkt ihre Schreckschusswaffe abgegeben. Ihre Aussagen machten sie in rechter Szenekleidung und recht furchtlos mit unverhohlener Sprache.
In der Stadt kursiert auch nach einer weiteren Reportage weiterhin die Version von dem Geflüchteten als Täter. Das ist eine bewusste Entscheidung für eine Realität, die aber auch in den Lokalmedien kaum in Frage gestellt wird. Die Torgauer Zeitung berichtete kaum von Tat und Prozess und auch in den Facebookgruppen der Stadt werden Themen wie weitere rassistische Attacken (wieder ein Täter auf Crystal) einfach als Hetze abgewatscht.
Von Torgau werden wir also noch mehr hören, wenn sich Leute finden, die aus dem Innenleben der nach Außen recht abgeriegelten Stadt erzählen wollen. Unterstützt also die letzten Leute vor Ort und skandalisiert mit uns den rassistischen Konsens , der unsichtbar, aber zäh wie Kaugummi zwischen Kopfsteinpflaster, historischen Mauern und Schloss Hartenfels wabert. Auf das auch Menschen, die in Torgau als fremd gelten, sich irgendwann sicher durch die malerischen Straßen bewegen können.

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Lesetipps zu Torgau

FAZ: Lange Reportage zu den Verhältnissen in Torgau (am Computer ohne Paywall)

Twitter: Kommentare zur Prozessbeobachtung von Irgendwo in Deutschland

Köthen, Kaltort-Ranking 2018

Köthen – Welthauptstadt der Homöopathie

Einwohner*innenzahl: 26.157

Nominiert weil: Die meisten kannten die Kleinstadt Köthen bis zum September diesen Jahres vermutlich nicht. Köthen ist eine durchschnittliche ostdeutsche Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, irgendwo zwischen Halle und Magdeburg. Der Begründer der Homöopathie lebte lange hier, womit Köthen den Titel „Welthauptstadt der Homöopathie“ erlangt hat. Doch in Köthen gilt der Anspruch auf Gesundheit nicht für alle Menschen.

Am 09.09.2018 hat sich in Reaktion auf den Tod eines jungen Mannes ein völkischer Mob zu einem sog. „Trauermarsch“ zusammengefunden, bei dem insgesamt 2500 organisierte Nazis und Rassist*innen aus Köthen und Umland durch die Stadt gezogen sind. Treffpunkt war, passenderweise, der Friedenspark in der Stadt. Die Demonstration war ein Happening für die ganze Familie und Sammelbecken unterschiedlicher völkischer Akteure wie Pegida, dem Magazin „Compact“, „Zukunft Heimat“ wie auch der AfD. Einer der Organisator*innen war David Köckert, bekannter Nazi der Thüringer Szene und Mitbegründer von „Thügida“. In seiner Rede verwendete er eine offene völkische und NS verharmlosende Rethorik – die Köthener Polizei stand daneben und hörte zu.

Es waren auch etwa 150 Antifaschist*innen vor Ort, die nur durch einen Polizeikessel vor einem Angriff geschützt wurden. Die Unterkunft für Geflüchtete in der Stadt wurde an besagtem Abend von der Polizei geräumt – aus Sicherheitsgründen.

Diese völkische Ideologie ist nicht neu in Köthen, die Stadt gilt seit Jahren als Nazihochburg. Die AfD hat bei der letzten Bundestagswahl insgesamt 22% der Stimmen bekommen. In den letzten Jahren gab es mehrere rassistische Angriffe, u.a. wurde im September 2016 die Tür einer Unterkunft für Geflüchtete in Brand gesetzt. Im Oktober 2016 wurde der alte jüdische Friedhof der Stadt geschändet.

Doch die Idee von Frieden wird in Köthen groß geschrieben. In Reaktion auf die Nazis und eine linke Gegendemo organisierten einige Bürger*innen der Stadt eine Malaktion mit Kreide auf dem Marktplatz, um das Ansehen der Stadt wieder aufzupolieren. Die Message ist klar: „Wir brauchen beide nicht in unserer Stadt“ – Nazis UND die Antifa. Wie immer ist nicht der völkische Mob das Problem. So lautete die Quintessenz einer der Mitorganisator*innen der Aktion „Friedliches Köthen“: „Es haben sich in den letzten Tagen alle ausgetobt und jetzt ist gut. Die schweigende Mehrheit in dieser Stadt wünscht sich Frieden. Wenn der Spuk vorbei ist, wollen wir in Frieden weiterleben und uns in die Augen sehen können“. Dementsprechend hat der Oberbürgermeister Bernd Hauschildt den Anwohner*innen der Stadt geraten, am Abend einer Demonstration besser zuhause zu bleiben und die Rollläden der Fenster runter zu lassen – um ein Zeichen zu setzen, „dass man die nicht sehen will“.

Fazit:
In Köthen zeigt sich mal wieder das Zusammenspiel von organisierten Nazistrukturen, ganz normalen Rassist*innen, Politik und Polizei. Als Reaktion auf den rassistischen Mob wird das Image der Stadt mit bunter Kreide wieder hergestellt und die Vorhänge zugezogen. Damit verdient Köthen die Auszeichnung als #Kaltort 2018 und viele weitere antifaschistische Aktionen zur Störung des Volksfriedens.

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Cottbus, Kaltort-Ranking 2018

Cottbus – “modern und liebenswert”

Einwohner*innenzahl: 101.036

Nominiert weil:

In der Niederlausitz, im Süden des Bundeslandes Brandenburg, liegt Cottbus. Die kreisfreie, mal Großstadt mal nicht, fällt in letzter Zeit vermehrt durch rassistische und extrem rechte Vorfälle auf. Doch haben solche durchaus Tradition in dem selbsternannten „Fleckchen Erde zum Wohlfühlen“, wie es auf der Homepage der Stadt heißt. Zur Fußball-WM 2006 (Motto: Die Welt zu Gast bei Freunden) gab es ‚Reisewarnungen‘ für bestimmte Regionen (Ost-)Deutschlands. Verschiedene Initiativen und Personen machten öffentlich darauf aufmerksam, dass die Wahrscheinlichkeit Opfer rassistischer Übergriffe zu werden in diesen besonders hoch ist. Cottbus gehörte damals bereits selbstverständlich dazu. Doch nicht nur Alltagsrassismus fühlt sich in Cottbus wohl. Die Stadt und das Umland bietet seit Jahren Nazis Lifestyle und Auskommen. Um den Fussballverein FC Energie aus der 3.Liga sammelt sich eine stramm rechte Fußballfanszene, die durch gewalttätige Hools und rassistische Vorkommnisse auffällt. Da wird dann schon mal der Aufstieg in Ku-Klux-Klan-Stil auf dem zentralen Marktplatz gefeiert. Desweiteren bietet die vor Ort gegründete Kleidungsmarke Label 23 – Boxing Connection dem modebewussten Streetfighter die geeignete Klamotte. Das Geld dafür kann er sich in einigen der 52 privaten Sicherheitsfirmen verdienen, die vom rechten Rocker, über Hool auch Nazis gern beschäftigten.

Anfang 2018 gesellte sich dann ein weiterer Akteur zum rassistischen Stelldichein in Cottbus – der Verein „Zukunft Heimat“. Seit 2015 mobilisiert und hetzt er als „asylfeindlicher Protest“ bereits in ganz Brandenburg. Auschlaggebend für den regen Zulauf im Winter 2018, waren zwei Fälle von Auseinandersetzungen im Januar zwischen Deutschen und geflüchteten Syrern, wobei beide Male Messer von den Syrern eingesetzt wurden, Verletzte gab es in einem Fall. Zukunft Heimat griff diese Vorfälle wohlwollend auf und führte nun verstärkt Kundgebungen und Demos durch mit bis zu 5.000 Teilnehmer*innen. Seit an Seit marschierten maximalbesorgte Bürger*innen, AfD-Politiker*innen mit Nazis und rechten Hools. Christoph Bernd, Zukunft-Heimat Chef begrüßt es sogar, wenn bekannte Rechtsextreme an seinen Demos und Kundgebungen teilnehmen, so lange sie dort friedlich bleiben würden. Dass es im Nachgang und im Umfeld seiner Veranstaltungen verstärkt zu gewalttätigen Übergriffen kam, interessiert oder stört ihn offensichtlich nicht. Hierunter fällt der Angriff auf den Bus der mehrheitlich migrantischen Frauen*-Initiative „Women in Exile“, der nach ihrer Demonstration gegen Rassismus und Ungleichheit in Cottbus zerstört wurde. Auch die Stadt reagierte auf die Vorfälle. Sie sprach eine ‚negative Wohnsitzauflage‘ quasi eine Stadtverweis für einen der beteiligten Syrer und seinen Vater aus, welche nach ca. 8 Wochen aufgehoben wurde. Um die Sicherheit oder zumindest das Sicherheitsgefühl in der Stadt zu erhöhen, laufen bis heute Polizei und Ordnungsamt gemeinsam vermehrt Streife und kontrollieren dabei vor allem dem Anschein nach Nichtdeutschaussehende. Der Cottbusser Oberbürgermeister (CDU) nutze die Chance, um sich im Landtag rassistisch zu äußern, einen generellen Aufnahmestopp für Geflüchtete in Cottbus zu fordern und die Migrationspolitik seiner damaligen Parteivorsitzenden Merkel zu kritisieren. Opferberatung und Bürgerbündnisse kritisieren die einseitige Wahrnehmung und Strafverfolgung in diesen Fällen. Im Herbst 2017 kam es zu einem Unfall, bei der eine ägyptische Studentin verstarb. Zeugen sagten damals aus, dass der Wagen nicht nur viel zu schnell unterwegs war, sondern der junge Fahrer die schwer verletzte Studentin dazu noch rassistisch beleidigte am Unfallort. Die Ermittlungen dahingehend wurden fallen gelassen. Laut der Opferberatung finden zwischen 5 und 10 rechtsextreme Übergriffe pro Woche statt, die in den seltensten Fällen juristische Folgen für die Täter*innen haben. Der Angriff von Rechtsextremen gegen Geflüchtete in der Silvesternacht zu 2018, die unter Mithilfe des Sicherheitsdienstes in die Unterkunft ihrer Opfer gelangen konnten, nach dem sie diese auf der Straße verfolgt und verprügelt hatten – blieb ohne große mediale Beachtung, obwohl die Täter ermittelt wurden. Nach einer Massenschlägerei kurz vor dem Stadtfest im Sommer macht der Bürgermeister nochmals Stimmung gegen Geflüchtete und stellt in Frage, ob die Sicherheit auf dem Stadtfest für Cottbusser*innen ausreichend gegeben sei. Es werden gegen 40 Personen richterliche Anordnungen ausgesprochen, sich von dem Stadtfest fernzuhalten – zwei davon sind Deutsche. Das Stadtfest wird dann von dem privaten Sicherheitsdienst eines bekannten Rockers und der Polizei bewacht.

Cottbus ist ein #Kaltort2018 weil sich hier zeigt, wie Strukturen von organisierten gewalttätigen Neonazis über lange Zeit nicht nur unwidersprochen bestehen sondern vollkommen im öffentlichen und ökonomischen Leben integriert sind. Gemeinsam mit den rassistischen Aussagen und Entscheidungen führender Politiker*innen und der Zustimmung vieler Bürger*innen bietet es die beste Grundlage für eine Klima der Angst, dass jene zu spüren bekommen, die Ziel dieses Hasses sind oder dem rassistischen Konsens widersprechen.

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Eisenach, Kaltort-Ranking 2018

Luther, Burschenschaftler und Nazis – Wilkommen in Eisenach

Einwohner*innenzahl: 42.700

Nominiert weil:
Eisenach, eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland. Genauer: irgendwo im grünen Herzen Deutschland, wie sich Thüringen selbst nennt. Beschaulich am Rande eines grünen Waldes. Eine Stadt die sich gerne mit ihrer Landschaft und Kultur schmückt. Hier hat einst Martin Luther auf der Wartburg das neue Testament übersetzt. Die Person, die auf der Wartburg den Teufel an der Wand gesehen haben soll. Eine kritische Auseinandersetzung mit Martin Luther findet in Eisenach kaum statt, nicht mit seinem Antisemitismus, nicht mit seinem Frauenhass. Auch Burschenschaften haben hier ein Teil ihrer Entstehungsgeschichte. Vielleicht ist es halt auch kein Wunder das Nazis sich hier so heimisch fühlen, Eisenach ist so deutsch. Eine Stadt von Deutschen für Deutsche.
Dabei wäre diese Stadt doch so gerne weltoffen, was sie auch gerne propagiert. Das Stadtbild wird jedoch geprägt durch Graffitis und Sticker mit eindeutig nationalsozialistischen Botschaften. Ein Entrinnen ist nicht möglich, überall ist zu lesen, „Nazi Kiez, NS Zone, White Revolution, I Love NS, Nationaler Aufbau“ usw. Die gut vernetzte Naziszene tritt mit einem hohen Gewaltpotenzial, selbstbewusst und in Gruppenstärke auf. Ihre Taktik ist, alles was nicht in ihr Weltbild passt (Antifaschist*innen, Migrant*innen, Geflüchtete und Antirassist*innen) einzuschüchtern, zu bedrohen, handlungsunfähig zu machen und sie zurückzudrängen. Im Stil der Autonomen Nationalisten und mit jugendkulturellem Verve versuchen sie hip rüber zu kommen.
Mit dem “Flieder Volkshaus” hat die NPD seit 2014 auch ihre eigene Immobilie, und bietet damit einen Treffpunkt zum vernetzen und hetzen. Auch finden regelmäßig Konzerte von bekannten Rechtsrockbands statt, z.B. gastierten hier schon “Kategorie C”, “Die Lunikoff Verschwörung”, und “Flak”. Oder sie laden Shoah-Leugner wie Ursula Haverbeck ein. Von Reichsbürger*innen über Identitäre Bewegung, bis hin zu “Besorgten Bürger*innen” ist in Eisenach alles, was rechtsoffene Tendenzen aufweist, vertreten. Leider lässt sich auch die bürgerliche Mitte davon blenden und surft auf der braunen Welle mit. Warum sonst findet Patrick Wieschke mit seinen regelmäßigen “überparteilichen”, polarisierenden Demonstrationen so viel Anklang in der Stadt. Hier verbreitet der Patrick sein menschenverachtendes Weltbild und seine rassistische Hetze. Ein Blick in die Lebensgeschichte, dieses Patricks zeigt, alles wovor er Angst schürt ist eigentlich er selber. In der Nacht zum 10. August 2000 war Patrick Wieschke an einem Sprengstoffanschlag an der Eingangstür eines türkischen Imbisses in Eisenach als Anstifter beteiligt. In seinem Lebenslauf sind mehrere Straftaten wegen Körperverletzung und Volksverhetzung zu finden. Aber auch der Vorwurf der Vergewaltigung und Kindesmissbrauch findet sich bei Patrick. Ja, Patrick ist ein ehrenvoller Deutscher. Trotzdem hat er mit dieser Masche Erfolg. Dies lässt sich gut in den angeblich unpolitischen Facebookgruppen “Sicherheit für Eisenach” und “Interessantes in Eisenach” beobachten. Hier scheint seine rassistische Hetze willkommen zu sein und findet regen Anklang. Der gescheiterte Oberbürgermeisterkandidat der AfD, Gregor Modos, hat mit dem braunen Sumpf in Eisenach kein Problem, wie auch anders zu erwarten. Er sieht die “Linksextremisten” als Gefahr an. Angeblich wurden doch AfD Mitglieder*innen in Eisenach beschimpft. Konkrete Beispiele dazu konnte er nicht nennen. So wundert es auch nicht, das die Spuren des NSU auch bis Eisenach reichen. Hier ist der Ort wo die Uwes ihre letzte Bank überfielen und sich anschließend im Wohnmobil erschossen haben. Wer die Kontaktmänner in Eisenach waren, viele können es sich denken. Auch hier wurde gegen den Patrick ermittelt, nachzuweisen ist ihm angeblich nix.
Antifaschist*innen werden hier regelmäßig zum Angriffsziel von Nazischlägern. So wurde erst im Dezember ein Jugendlicher aufgrund antifaschistischer Buttons bedroht. Im Oktober 2018 wurde auf dem Bürgersteig vor dem Jugendbüro RosaLuxx eine Opfersilhouette aufgemalt, wie man sie aus Krimiserien kennt. Der Umriss wurde mit “A.L.ESA (Antifaschistische Linke Eisenach)” betitelt und trägt einen großen Farbfleck im Bauchraum. Diese Metapher stellt ohne Zweifel eine gefährliche Morddrohung dar. Wenn es nach den Neonazis geht, soll Blut fließen. Der Platz der alten Synagoge wird regelmäßig von Nazis mit Hakenkreuzen beschmiert. Zwischen 2015-2018 wurden in Eisenach offiziell 195 rechte Straftaten festgestellt, hinzukommen 104 Straftaten im umgebenden Wartburgkreis. Zu diesen Straftaten kommen noch zahlreiche Demonstrationen und Veranstaltungen. In diesen Straftaten sind 7 Körperverletzung und 10 besonders starke Körperverletzungen vertreten., sowie Sachbeschädigung und Volksverhetzung. Die Dunkelziffer wird durchaus höher liegen, viele Opfer schrecken aus Angst vor Repressionen, vor Anzeigen zurück. Erst am 12. Dezember 2018 fand eine länderübergreifenden Razzia wegen Fortführung des verbotenen “Blood & Honour”-Neonazi Netzwerkes statt, bei dem Polizisten ebenfalls in Eisenach Durchsuchungsmaßnahmen durchführten.
Wie auch nicht anders zu erwarten, wird von offizieller Stelle natürlich kein Nazi-Problem gesehen und immer wieder relativiert. Stattdessen bräuchte es dringend Räume für antifaschistische und antirassistische Projekte. Es werden dringend Strukturen benötigt, die Jugendliche vor Ort schützen, vor den marodierenden braunen Massen.

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Lesetipps zu Eisenach

Thüringen rechtsaussen: Sexueller Missbrauch eines Kindes – NPD-Spitzenkandidat Patrick Wieschke in Erklärungsnot (Polizeiakte geleakt)

Spiegel: NPD-Spitzenkandidat Wischke stand 2001 unter Mißbrauchsverdacht

Spiegel: Anschlag auf Dönerimbiss

Zeit Störungsmelder: Neonazis ringen in Eisenach um die Hegemonie

Thüringen24: Jugendliche von mutmasslichen Neonazis in eisenach verfolgt und geschlagen

Zeit Störungsmelder: Brutaler Nazi-Überfall auf engagierten Musiker in Eisenach

Kaltort Ranking 2018

Wählt mit uns den elendsten Mistort des Landes + Ziel: Aufmerksamkeit für die anhaltende Gefahr der völkischen Mobilisierungen + Helft uns: Bringen wir Wut & Kritik zurück in die Orte der rassistischen Attacken + Mitmachen, teilen, prämieren & abstrafen!
2018 ist fast vorbei und wir wollen euch zum dritten Mal zu unserem besonderen Jahresrückblick einladen – das #Kaltort-Ranking 2018. Wir wollen damit auf einige der rassistischen Hotspots in #Kaltland und deren Bevölkerungen aufmerksam machen. Also macht mit, teilt die Beiträge und wählt den #Kaltort2018!
Im Sommer 2018 Monaten haben Orte wie Chemnitz und Köthen große Schlagzeilen gemacht. Beide Orte waren aber nur zwei krasse Beispiele aus einer Vielzahl von Angriffen und völkischen Mobilisierungen und deren gewaltvollen Konsequenzen. Die Chronik „Mut gegen rechte Gewalt“ dokumentiert bisher 743 Angriffe auf Geflüchtete und Unterkünfte, die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Diese Zahlen machen klar – es gibt weiterhin keinen Grund zur Beruhigung.1 Sie verdeutlichen den rassistischen Normalzustand in Deutschland und die anhaltende Bedrohung für alle, die nicht in ein völkisches Weltbild passen.

KALTLAND ENTLARVEN
Wir wollen das Jahresende wieder nutzen, euch einen Teil des Ausmaßes von Kaltland im Jahr 2018 an konkreten, mehr oder weniger bekannten Orten, vorzuführen. Die Auswahl hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit – sie versucht aber, unterschiedliche Regionen in den Blick zu nehmen und den breiten rassistischen Konsens, auch in den scheinbar netteren Orte, aufzudecken und anzugreifen.
Als Bündnis „Irgendwo in Deutschland“ organisieren wir immer wieder Demonstrationen, mit denen wir genau an diesen Orten auf die unerträglichen Zustände hinweisen und sichtbar machen, dass es Leute gibt, die mit den Angriffen nicht einverstanden sind. Diese unversöhnlichen Interventionen sind für uns eine wichtige und notwendige Aktionsform, vor allem mit Blick auf die oft fehlenden linksradikalen Interventionen. Gegen Kaltland, seine völkischen Mobilisierungen braucht es mehr Druck, mehr Stress und mehr Entschlossenheit.

HELFT MIT: Schafft Aufmerksamkeit für deutsche Zustände!
So läuft es ab: Ab dem 23.12. veröffentlichen wir bei Facebook und auf dem Irgendwo in Deutschland-Blog täglich einen Text und stellen einen dieser Kaltorte mit ihren spezifischen völkischen Gemengelagen vor. Im Anschluss seid ihr gefragt – ihr dürft abstimmen, welcher dieser Orte die Auszeichnung als Kaltort 2018 verdient hat. Die Gewinner*innen-Stadt bekommt auch in diesem Jahr einen Preis von uns – die Stadt Bautzen hat in den letzten Jahren aus guten Gründen das Ranking gewonnen und das Video zur Preisübergabe 2016 hat das Social Media Team der Stadt länger beschäftigt, um das geschädigte Image wieder zu korrigieren. Auch Anfang 2019 kann ein deutscher Kaltort sich auf ein solches ‚Anti-Tourista-Video‘ freuen.

Wir setzen bei diesem Unterfangen auf eure Unterstützung: Ob in SocialMedia-Währung von Likes, Shares und Retweets.
Allerdings bitten wir euch diesesmal auch selber in die Debatte zu gehen: Lasst uns die Wut & Kritik über rassistische Zustände in die Orte zurückbringen, potentielle Besucher*innen warnen und über das Netz Handlungsdruck erzeugen. Fügt also rassistische Angriffe in Wikipedia-Artikel der Orte hinzu, klärt Tourist*innen über die Social Media-Seiten der Ortschaften und ihrer Sehenswürdigkeiten auf. Wir zählen auf euch, Rassist*innen angreifen bleibt letztendlich (digitale) Handarbeit.

Wir danken allen beteiligten Gruppen und Einzelpersonen, die uns wieder mit Texten aus allen Teilen des Landes unterstützen. Ein weiteres Herzchen an all diejenigen, die die Werbetrommel für diese Aktion rühren und vor allem natürlich an alle Kommentarspalten- oder Straßenkämpfer*innen.
Lasst uns den Preis für das Ausleben des Rassismus erheblich erhöhen. Make Racists Afraid Again.

Lest, teilt, wählt auf Facebook im Kaltort-Ranking 2018. Die Beiträge gibt es jeden Abend auch hier im Blog: Alle Beiträge des Kaltort-Rankings 2018.

Falls ihr schonmal gucken wollt: Ein Rückblick auf die letzten Jahre Kaltland-Ranking mit allen Texten:
2017: Facebook-Event, im Kaltort-Ranking  2017 im Blog
2016: Facebook-Event